monat: Was war die Motivation einen Film mit und über Attwenger zu machen?
K-M: Attwenger kenne und mag ich seit ich 15 bin.
m: Wie kam es zum Erstkontakt und wie haben die beiden auf deine Anfrage reagiert – schließlich gibt es ja schon einen „Attwenger-Film“?
KM:Wir haben uns von einem Live-Mitschnitt im Jahr 2003 in Innsbruck gekannt. Über eine anfänglich geplante Live-DVD traute sich aber niemand so richtig drüber – also habe ich die beiden gefragt, ob sie’s interessant fänden. Es hieß dann: „Moch amoi“.
m: Wie bist du an das Filmkonzept heran gegangen. Gab es von Anfang an zentrale Fragestellungen, die der Film beantworten sollte?
K-M: Es war anstatt einer „top-down“ eher eine „bottom-up-Geschichte“, die auch den Dokumentarfilm vom Spielfilm unterscheidet. Man muss sich zuerst einmal anschauen, was sich alles ergibt, Berge von Material sammeln und entscheidet im Schnitt, welcher Film schließlich herauskommt.
m: Wie groß war dein Team, dein Budget?
K-M: Da es ein Budget in dem Sinn nicht gegeben hat - eher mein eigenes Geld – haben wir immer mit „kleinem Besteck“ gearbeitet, was aber heutzutage sehr gut möglich ist. Also hab ich immer von Dreh zum nächsten geschaut, wer gerade Zeit und Lust hat.
m: Mit welchem Setting hast du begonnen und wie wahr das am Anfang – die Kamera, Attwenger und du?
K-M: Wir haben sozusagen dort angefangen, wo die ORF-Dokumentation von Regina Patsch 1993 aufgehört hat: im Backstage-Raum vom Linzer Posthof. Markus Binder und ich waren uns von Beginn an einig, wie der Stil ausfallen sollte. Es hat mir imponiert, dass er D.A. Pennebaker und Richard Leacock als Referenz genannt hat, die Pioniere des direct cinema/cinema verité sind.
m: Ab welchem Zeitpunkt war die Tatsache, dass die Kamera immer dabei ist, weder für dich noch für Attwenger ein Problem?
K-M: Für uns darf es natürlich kein Problem sein, dass die Kamera dabei ist, es ist immer nur dann eins, wenn sie nicht dabei ist. Markus Binder und Hans Peter Falkner haben uns mehrfach bestätigt, wie angenehm und unaufdringlich unser Begleiten war. Meist waren es auch Situationen, wo wir als Beobachter in den Hintergrund getreten sind, weil für die Band sowieso etwas anderes, z.B. der Soundcheck oder ein Interview, im Vordergrund stand. Aber genau dieses Material finde ich wertvoll, weil es die Selbstinszenierung der Protagonisten klein hält, auch wenn Attwenger ohnehin alte Profis sind, das allerdings nie zugeben würden.
m: Wie haben Attwenger die Grenze zwischen Dokumentation und „Eingriff“ in ihre Privatsphäre definiert?
K-M: Diese Situationen waren eher selten, weil es mir auch weniger um Enthüllung ging. Eine Szene vom Frühstück in Bern ist im Film, um die ich mich aber extra bemühen hab müssen, dass sie im Film bleibt.
m: Wie hat sich deine Beziehung zu den beiden im Laufe der Dreharbeiten verändert? Josef Hader hat in einem Kabarettprogramm mal gesagt: „Das Leben verliert, je besser man es kennen lernt“ – gab es Momente, wo du Attwenger auch „satt“ hattest?
K-M: Am Hader-Zitat ist durchaus etwas dran. Die Begleitung hat sich ja doch über ein Jahr erstreckt. Einen Lagerkoller hat es zwar nicht gegeben, aber die beiden haben mich schon als ihren Schatten tituliert, der ihnen später aber doch wieder abgegangen ist, als wir nicht mehr dabei waren.
m: Du hast Konzerte in Österreich und im Ausland gesehen. Wie unterschiedlich werden Attwenger vom Publikum wahrgenommen?
K-M: Im deutschsprachigen Ausland gibt es einen kleinen Exotenbonus glaube ich. In Bayern sind sie fast beliebter als in Österreich, haben in München bei Trikont auch seit Beginn ihr Label und im Bayrischen Rundfunk über die Jahre hinweg einen mächtigen Unterstützer.
m: Attwenger sind in ihrer Botschaft ja sehr politisch. Bekommt man das auch abseits der Bühne zu spüren?
K-M: Ich finde weniger als man annehmen könnte, aber man kann sich mit den beiden schon zu jeder Tages- und Nachtzeit in fundamentale politische Diskussionen verwickeln lassen. Die beiden sind sehr reflektiert und lassen nicht alles durch das „Mostsieb“. Interessant finde ich, dass man Markus Binder gut dabei beobachten kann, wie die Texte entstehen: Er klinkt sich an alltäglichen Beobachtungen ein und lässt sie im Kopf solange rotieren bis der Text „verattwengert/gebindert“ ist.
m: Attwenger werden seit einigen Jahren auch vom Feuilleton wahrgenommen. Wie gehen die beiden mit diesem „Hype“ um?
K-M: Die beiden wurden von Anfang an für ihre Kompromisslosigkeit gefeiert, haben sich – glaub ich – in den bald 20 Jahren auch musikalisch sehr verändert, da ziehen natürlich nicht alle Fans mit, aber irgendwie sind sie schon noch immer ein Phänomen. Auch weil die klassischen Zielgruppen- und Marketingschubladen für sie nicht funktionieren und sie konkurrenzlos die verschiedensten Menschen ansprechen.
m: Wenn du deinen Film heute siehst – wie zufrieden bist du damit?
K-M: Würde ich heute anfangen, wäre es wieder eine komplett andere Geschichte, ich bin immer noch am Lernen. Außerdem ist die Geschichte nicht endgültig abgeschlossen, solange nicht die letzte Deadline verstrichen ist. Aber mit der Distanz passt’s schon.
Zur Person
Markus Kaiser-Mühlecker (geb. am 14.02.1979) lebt als selbstständiger Filmemacher in Kematen/Krems. 2004: Abschluss des Studiengangs MultiMediaArt an der FH Salzburg; Filmprojekte: „Von Haider zu Hader“ (2004), „Echte Bauern“ (2005) und „Attwenger Adventure“ (2007). Musikvideos u.a. für Alkbottle, Jon Sass und Louie Austen.
film:riss 07 WarmUpFest
im ARGEkultur Gelände, 24.10., 20 Uhr
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